Propagandakrieg gegen Russland

Der sogenannte Bürgerjournalismus und sein selbst gestellter Auftrag

Von Knut Mellenthin
Trümmer der MH-17 in der Ostukraine (17. Juli 2014)
Trümmer der MH-17 in der Ostukraine (17. Juli 2014)
Viele deutsche Journalisten verwechseln die Worte »offenbar« und »angeblich«. »Forensische Analyse: Kreml hat offenbar Satellitenfotos zu MH-17-Absturz gefälscht«, hieß es am 1. Juni bei Spiegel online. Die Geschichte über die angeblich gefälschten russischen Fotos war jedoch so außergewöhnlich stümperhaft gemacht, dass einige Medien, darunter Spiegel online selbst, schnell wieder zurückruderten. Die meisten anderen vergaßen das Thema.
Die Falschmeldung kam von der Agentur »Bellingcat«, die sich gern »unabhängige Investigativplattform« nennen lässt. Ein Blick auf ihre Website zeigt, dass sie sich einseitig auf zwei Themen spezialisiert hat: »Enthüllungen« über Russlands angebliche Rolle in der Ukraine und über Waffeneinsätze der syrischen Regierung.
»Bellingcat« ist noch nicht lange auf dem Markt. Der 35jährige Eliot Higgins gab die Gründung am 1. Juli 2014 bekannt. Dafür benutzte er damals noch sein Pseudonym Brown Moses. Unter diesem Namen hatte Higgins seit März 2012 mehrere vorgebliche »Analysen« ins Internet gestellt, mit denen auf der Grundlage von allgemein zugänglichen Satellitenaufnahmen nachgewiesen werden sollte, dass die syrischen Streitkräfte für den Einsatz chemischer Kampfstoffe verantwortlich seien. Im Dezember 2013 gründete Higgins die Firma »Brown Moses Media Ltd.«, die jetzt Eigentümer von »Bellingcat« ist. Journalisten erzählt er gern, dass er aus Langeweile zu dem »Hobby« gekommen sei, sich mit Waffeneinsätzen zu befassen, als er arbeitslos war und sich zu Hause um sein Kind kümmerte.
Zumindest heute arbeitet Higgins eng mit dem Atlantic Council zusammen, der sein Hauptquartier in Washington hat. Er ist Mitautor einer von dieser Organisation herausgegebenen Propagandaschrift »Putin's War in Ukraine«, die sich teilweise auf das von »Bellingcat« veröffentlichte Material stützt. Der Atlantic Council wurde 1961, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, mit dem Auftrag gegründet, die Zusammenarbeit westeuropäischer Politiker mit den USA zu festigen und nach Osteuropa hineinzuwirken. Die Organisation stellt zum einen ein Kaderreservoir für die US-Administration dar. Zum anderen ist der Atlantic Council ein Wirkungsfeld des Auslandsgeheimdienstes CIA, der dem State Department unterstellt ist.
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Der beschönigende Begriff, unter dem neben »Bellingcat« zahlreiche ähnliche Unternehmen arbeiten, lautet scheinbar uneigennützig »Non-profit journalism« oder gern auch ganz bürgernah »Citizen Journalism«. Im sehr wohlwollenden englischen Wikipedia-Eintrag, den vermutlich Kollegen dieser speziellen Richtung selbst formuliert haben, wird als Stärke solcher Gruppen gerühmt, dass sie »in der Lage sind, dem öffentlichen Wohl zu dienen, ohne sich mit Schulden, Dividenden und den Zwang zum Gewinnmachen abgeben zu müssen«. Andererseits kosten die Recherchen, die oft mit Auslandsreisen verbunden sind, viel Geld, wie die Non-Profit-Journalisten immer wieder betonen. Sie finanzieren sich über Spenden, wobei Stiftungen als verlässliche Geldgeber einen hohen Stellenwert haben.
So hat zum Beispiel das »gemeinnützige Recherchebüro« Correctiv zum Start vor elf Monaten eine solide Anschubfinanzierung von drei Millionen Euro von der Brost-Stiftung erhalten. Das Stiftungsvermögen stammt aus dem Nachlass des Gründers der Westfälischen Allgemeinen Zeitung (WAZ), Erich Brost, und seiner Frau Anneliese. Nach eigener Beschreibung will Correctiv »Missständen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nachspüren«. Das tut die Gruppe tatsächlich vielseitiger als Higgins' »Bellingcat«. Trotzdem ist auch bei dem deutschen Unternehmen ein besonderes Interesse am Propagandakrieg gegen Russland festzustellen. Zwei seiner Journalisten, Marcus Bensmann und der frühere Wallstreet-Journal-Mitarbeiter David Crawford, wirkten am Artikel »Flug MH-17 – Auf der Suche nach der Wahrheit« mit, den der Spiegel im Januar veröffentlichte.

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