Bellingcat-Analyse MH 17 so unseriös wie BILD und SPON

Im Ukraine-Konflikt wird der Leser trotz der scharfen Kritik an der tendenziösen Berichterstattung gnadenlos weiter desinformiert:
Den Beweis soll die Plattform Bellingcat geliefert haben, die in den Medien als unabhängige Enthüllungs-, Investigativ- oder Rechercheplattform genannt wird und deren Mitarbeiter als unabhängige Experten und Investigativjournalisten bezeichnet werden.
Bellingcats Untersuchungen weisen jedoch gravierende Mängel in der Methodik, Lücken in der Argumentation und Fehler in den Schlussfolgerungen auf, wie wir gleich sehen werden. Die Mängel und Fehler sind so schwerwiegend, dass man weder von Experten noch Investigativjournalisten sprechen kann.
Bellingcat ist nach Selbstdarstellung eine Plattform für investigativen Journalismus von und für Bürger, die anhand von öffentlich zugänglichen Informationen über Dinge berichten, die sonst nicht beachtet werden.
Eine Hauptaufgabe von Bellingcat besteht offenbar darin, Russland im Ukraine-Konflikt der Lüge zu überführen und für den Abschuss der Passagierflugmaschine MH17 über der Ostukraine verantwortlich zu machen. Investigativer Journalismus bedeutet für die Bürger-Journalisten um Bellingcat -Gründer Elliot Higgins, dass das Ergebnis bereits im Vorfeld feststeht und man nun seine ganze Energie dafür verwendet, die passenden Beweise geschickt zu konstruieren. So hat man das auch in der jüngsten Analyse gemacht, die begeistert von den Medien aufgenommen wurde.
In einer „forensischen Bildanalyse“ untersuchte Bellingcat zwei von insgesamt sechs Satellitenfotos des russischen Verteidigungsministeriums, die Aktivitäten der ukrainischen Luftabwehr in Schussposition zu Flug MH17 am 17. Juli 2014 in der Ostukraine beweisen sollen. Die russischen Satellitenfotos wurden auf einer internationalen Pressekonferenz am 21. Juli 2014 der Öffentlichkeit präsentiert und gleichzeitig auf der offiziellen Webseite des russischen Verteidigungsministeriums veröffentlicht.
Bellingcat kommt in seiner Untersuchung zum Ergebnis, dass eindeutig und unzweifelhaft die Satellitenfotos falsch datiert und durch Photoshop digital verändert wurden. In einem der beiden untersuchten Bilder (Bild #4) wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit Wolken digital hinzugefügt. Dadurch wurden weitere Details zum Vergleich mit anderen Bildern verdeckt [>].
Ich beschränke mich hier nur auf Bild #4, um zu zeigen, dass Bellingcat unseriös und laienhaft arbeitet. Nach Angabe des russischen Verteidigungsministeriums soll Bild #4 belegen, dass mindestens ein Raketenwerfer und weitere militärische Fahrzeuge zur technischen Unterstützung am 17. Juli 2014 nicht mehr auf dem Militärstützpunkt nördlich von Donetsk vorhanden sind.
Ziel der Untersuchung von Bellingcat ist es, die gezeigten Bildinhalte sowie die Aussagen des russischen Verteidigungsministeriums über die Bildinhalte auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Bild #4 wurde dazu einer sogenannten Fehlerstufenanalyse (Error Level Analysis) unterzogen. Für die Analyse bediente sich Bellingcat eines freien Onlinetools der Webseite FotoForensics.
Das Ergebnis der Analyse ergab, dass „Bild #4“ digital mit Photoshop modifiziert wurde. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wurden, so Bellingcat, Wolken digital hinzugefügt. Dadurch wurden weitere Details zum Vergleich mit anderen Bildern verdeckt.
Im folgenden versuche ich nun meine Eingangs aufgestellte Behauptung zu belegen, dass die Untersuchungen und der Bericht von Bellingcat gravierende Fehler und Mängel in der methodischen Vorgehensweise, Argumentation und Schlussfolgerung aufweisen.
Die Schlussfolgerung besteht aus drei Teilen. Der erste Teil beinhaltet keinerlei relevante Informationen, der zweite Teil ist nicht durch die Resultate der Analyse gedeckt und der dritte Teil fehlt.
Der informationslose Teil der Schlussfolgerung besagt, dass Bild #4 digital mit Photoshop modifiziert wurde. Wenn das russische Verteidigungsministerium ein Infrarotbild auf seiner Webseite veröffentlichen möchte, dann wird natürlich das Bild modifiziert. Es wird in ein anderes Datenformat umgewandelt, es wird der relevante Teil ausgeschnitten, es wird die Größe geändert, es werden Annotationen und Erklärung hinzugefügt, ggfs. werden auch Kontrast und Helligkeit geändert, um Bildinhalte deutlicher sichtbar zu machen. Dazu bedarf es eines Bildverarbeitungswerkzeugs und dieses Werkzeug war Photoshop. Wer so vorgeht, modifiziert ein Bild, ohne den Inhalt zu verfälschen.
Im zweiten Teil der Schlussfolgerung behauptet Bellingcat, dass die Russen nachträglich Wolken in Bild #4 eingefügt hätten. Um das zu belegen führte Bellingcat eine Fehlerstufenanalyse durch. Dabei machte Bellingcat so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Dazu komme ich gleich.
Der dritte Teil der Schlussfolgerung fehlt. Ziel der Analyse war es, zu überprüfen ob die Aussage des russischen Verteidigungsministeriums über fehlende Raketenwerfer und militärische Fahrzeuge in Bild #4 korrekt ist. Dieses Ziel hat Bellingcat nach der Formulierung aus den Augen verloren. Wir wissen nicht ob die Aussage des russischen Verteidigungsministeriums korrekt oder falsch ist. Das ist ein Beispiel für eine unzusammenhängende Argumentation. Es kann natürlich sein, dass Bellingcat uns unter der Blume mitteilen wollte, dass das russische Verteidigungsministerium die militärischen Fahrzeuge unter der manipulierten Wolkendecke hat verschwinden lassen. Wer glaubt, dass die Russen uns für so dumm halten, glaubt im Grunde nur, dass die Russen dumm sind.
Nun zur Methodik, die zum zweiten Teil der Schlussfolgerung führte. Bellingcat bediente sich bei seiner Bildanalyse des Webtools FotoForensics, das vom promovierten Computer-Forensiker Dr. Neal Krawetz betrieben wird. Ich fragte Neal über Twitter, was er von der jüngsten „forensischen Analyse“ von Bellingcat auf seiner Plattform hält. Er verwies mich daraufhin auf den lesenswerten Blogartikel „An Analysis of an Analysis“ von Myghty. Den Artikel hält Neal für eine „exzellente entlarvende Analyse“, bei der Myghty den Sachverhalt auf den Punkt gebracht habe. Das ist ein vernichtendes Urteil eines ausgewiesenen Experten über die “unabhängigen Investigativjournalisten”, die seine Plattform benutzten. Doch nicht das Urteil des Experten zählt, sondern die Argumente von Myghty, die das Urteil von Neal untermauern.
FotoForensics bietet eine gut und einfach erklärte Einführung in die Fehlerstufenanalyse an. Offenbar hat Bellingcat sich nicht die Mühe gemacht, die Einführung vorher durchzuarbeiten und hat kaum einen methodischen Fehler ausgelassen, vor dem FotoForensic ausdrücklich warnte.
Der beste Weg sich von den Fehlern von Bellingcat selbst zu überzeugen ist, wenn man sich folgende Links anschaut:
  • Bericht von Bellingcat (Seiten 7-11)
  • Tutorial: Einführung in die Fehlerstufenanalyse
  • Tutorial: Fünf typische Anfängerfehler (common mistakes)
  • Beispiele: 8 Rätsel mit Lösungen für Bildmanipulationen
  • Onlinetool zur forensischen Bildanalyse
Bellingcat sind vier der fünf im Tutorial aufgelisteten Anfängerfehler unterlaufen:
  • Fehler #1: Falsche Frage gestellt (unsaubere analytische Vorgehensweise)
  • Fehler #2: Antwort in die gewünschte Richtung gebogen
  • Fehler #3: Größe und Qualität des Bilds bei der Analyse ignoriert
  • Fehler #4: Modifikationen durch mehrfaches Speichern, Skalieren, Annotieren.
Die genaue Bedeutung der Fehler kann im oben verlinkten Tutorial nachgelesen werden.
Die unsaubere analytische Vorgehensweise (Fehler #1) umfasst mehrere Punkte, von denen ich nur einige nennen möchte und zwar ergänzend zum Artikel  „An Analysis of an Analysis“ von Myghty.
Der erste Punkt: Die Vorgehensweise von Bellingcat entspricht der Texas Sharpshooter Fallacy (Zielscheibenfehler). Der Zielscheibenfehler bezieht sich auf einen Texaner, der seine Waffe zufällig auf ein Scheunentor abfeuert und dann um die größte Trefferhäufung eine Zielscheibe malt. Die Dorfbewohner sehen später das Ergebnis und halten den Texaner für einen großartigen Scharfschützen. Der Fehler den Bellingcat machte ist, dass sie erst die Fehlerstufenanalyse durchgeführt hatten (geschossen) und dann ihre Hypothese formulierten (Wolken wurden digital eingeführt). Das Katastrophale ist, dass Bellingcat es sogar fertig brachte, die Zielscheibe daneben zu malen, wie wir gleich sehen werden.
Der zweite Punkt zu Fehler #1 ist, dass die Fehlerstufenanalyse nur einen Hinweis darauf geben kann, wo etwas geändert wurde aber nicht wie etwas geändert wurde. Die Aussage, dass Wolken digital eingefügt wurden, gibt eine Fehlerstufenanalyse alleine nicht her. Da fehlt es an analytischen Argumenten, die uns erklären, warum das so ist.
Der dritte Punkt auf den FotoForensics auch in seiner Einführung im letzten Satz ausdrücklich hinweist ist, dass die Interpretation der Fehlerstufenanalyse alleine nicht genügend aussagekräftig ist und man deswegen weitere Analysetechniken und –verfahren heranziehen sollte.
Der vierte und letzte Punkt bezieht sich darauf, dass Bellingcat im Bericht von signifikanten Unterschieden und hohen Wahrscheinlichkeiten spricht. Nun ist die Fehlerstufenanalyse keine statistische Methode und liefert somit keine Wahrscheinlichkeiten, wie gefälscht ein Bild sein könnte. Für einen Empiriker oder Statistiker sind das deutliche Indizien, dass wir es hier mit blutigen Laien zu tun haben, die weder das angewendete Verfahren verstanden haben, noch wissen, was statistische Hypothesentests sind. Davon abgesehen macht die Fehlerstufenanalyse keinerlei Aussage darüber, wie gefälscht ein Bild ist. Sie liefert lediglich eine Fehlerdarstellung, die wir analysieren und interpretieren müssen.
Auf Fehler #4 wird auch in der Einführung hingewiesen. Natürliche Modifikationen bei Photoshop, wie mehrfaches speichern, annotieren, skalieren, usw. beeinflussen die Fehlerstufenanalyse. Auf diesen Sachverhalt nimmt Bellingcat keinen Bezug.
Um sich zu überzeugen, dass die Fehlerstufenanalyse von Bild #4 keinen Hinweis auf Fälschungen gibt, kann man zum einen selbst Bilder unverfälscht oder manipuliert bei FotoForensics hochladen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was die Fehlerstufenanalyse leistest. Es empfiehlt sich auch die oben verlinkten Beispiele bei FotoForensics anzuschauen. Spielt man eine Weile mit der Fehlerstufenanalyse herum, wird man feststellen, dass die Fehlerstellenanalyse von Bild #4 eher nicht auf eine Manipulation hindeutet.
Die Ergebnisse von Billingcat beruhen auf einer fehlerhaften Analyse und unschlüssigen Argumentation. Doch das Desaster ist nicht die stümperhafte und dilettantische Vorgehensweise von Bellingcat. Das Desaster ist, dass Leitmedien eine Laientruppe in den Stand von Experten und investigativen Journalisten erhebt, weil sie die gewünschten Ergebnisse für die gewünschte Meinung liefern. Die Medien schieben die vermeintlichen Experten von Bellingcat wie eine Monstranz vor sich her und lassen ihre eigene Agenda durch den Mund der selbsternannten Bürgerjournalisten verbreiten. Ergebnisse fehlerhafter Analysen werden dabei zu Fakten oder bestenfalls zu mutmaßlichen Fakten erklärt. Die Gegenseite wird Lüge und Kriegstreiberei vorgeworfen, dämonisiert und in Misskredit gebracht und zwar mit Argumenten, die auf falschen und ungeprüften Analysen beruhen. Einmal in die Welt gesetzt, sind auch falsche Darstellungen kaum noch aus den Köpfen zu kriegen. Wir sind zwecks politischer Willensbildung darauf angewiesen, dass Medien uns informieren und aufklären. Dazu müssen wir den Medien trauen können. Missbrauchen Medien das Vertrauen, verkommen sie zu Propagandamaschinen in einer simulierten Demokratie, die politische Willensbildung in die gewünschte Richtung lenken möchte.
Abschließend möchte ich folgendes klarstellen: Es ist gut möglich, dass das russische Verteidigungsministerium trickst und täuscht, jedoch geben das die Daten der investigativen Journalisten der unabhängigen Enthüllungsplattform Bellingcat einfach nicht her.

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